Sven Küenle - Kopfüber in der Mausefalle

Veröffentlicht auf von Michael Eder

 Foto Red Bull

 


Jeder gestandene Skirennfahrer ist froh, wenn er heil durch die Mausefalle kommt, jene Passage nach dem abenteuerlich steilen Starthang, den sich die Profis auf der Kitzbüheler Streif hinunterstürzen. Die Piste ist mit einer Neigung von 45 Grad so steil, dass die Fahrer das Gefühl haben zu fallen, sie werden von null auf Tempo hundert katapultiert und schießen über die Kante hinein in den nächsten Steilhang. Die Mausefalle ist einer der Grenzorte des Sports, sie markiert, was man den besten Rennfahrern gerade noch zumuten kann an Steilheit, Sensationslust, Härte, Brutalität.

 

    Auch Sven Küenle war heilfroh, als er vor zwei Wochen der Mausefalle ohne größere Blessuren entkommen war. Der 24 Jahre alte Schwabe mit Wohnsitz in München hatte sich ein paar Tage vor den Abfahrtsprofis auf die vereiste Strecke gewagt. Weil er aber kein Abfahrer ist, sondern von eher zierlicher Figur und sein Geld als Freestyle-Profi verdient, war sein Auftritt ein wenig anders, als von den Herren Maier oder Cuche gewohnt. Küenle hatte sich am Morgen mitten im Steilhang eine Absprungrampe gebaut und mit seiner Ankündigung für Wirbel gesorgt, er werde die Mausefalle mit einem Rückwärtssalto bezwingen. Gesagt, getan. Der erste Versuch ging schief, bei der Landung öffnete sich eine Bindung, der folgende Sturz war nicht schön anzuschauen. Der zweite Versuch klappte, Küenle schoss auf die Schanze zu, segelte mit einem Rückwärtssalto in den Steilhang, stand den Aufsprung und hatte etwas Mühe, die folgende Linkskurve zu treffen. Sein spektakulärer Stunt hat für Aufsehen gesorgt; das Video, das seinen Sprung zeigt, ist seither auf www.youtube.com/watch?v=JcoSo2VF5yo mehr als 70 000 Mal bestaunt worden.

 

    Der Münchner war einer der Ersten, die sich mit Ski in die Funparks der Snowboarder gewagt haben. Als Kind ist Küenle Alpinrennen gefahren, aber von Stuttgart aus war der große Durchbruch nicht zu erwarten. Vom Skifahren freilich wollte er nie lassen, auch nicht, als die meisten seiner Freunde aufs Snowboard umgestiegen sind. Also fuhr er, als er 15, 16 war, mit in die Snowboard-Camps. Im Big-A-Camp in Italien musste er damals eine Sondergenehmigung beantragen, um überhaupt einen Liftpass kaufen zu dürfen. Die Snowboarder waren damals noch Außenseiter in den Wintersportgebieten, und er war der Außenseiter unter den Außenseitern, der einzige Skifahrer unter den Snowboardern. Später, im Jahr 200o, war er nicht mehr einer unter vielen; im Sommercamp auf dem Hintertuxer Gletscher traf er das US-Freestyle-Team, das zu Filmaufnahmen angereist war und ihn mitfahren ließ, was ihm zu seinem ersten Sponsor verhalf. Küenle sah staunend, wie professionell und doch anders die Amerikaner waren. Das moderne Freestyle-Skifahren hatte sich in den Vereinigten Staaten aus dem Buckelpistenfahren entwickelt. Küenle hingegen hatte sich von den Snowboardern und ihren Parks und Pipes inspirieren lassen.

 

    Küenle machte noch das Abitur, dann ging er auf Reisen. Heute zählt er zu den Stars der Szene. Das Niveau sei mittlerweile sehr hoch, sagt er. Freestyle-Skifahren hat sich über die Jahre zu einer ernsthaften Sportart entwickelt, wer sich in den einzelnen Disziplinen - Halfpipe, Big Air, Slopestyle, Freeriden - nicht spezialisiert, hat keine Chance mehr.

 

    Könner wie Küenle sind auf Wettkämpfe nicht angewiesen, Film- und Fotosessions sowie Spektakel wie der Rückwärtssalto in die Mausefalle erfreuen die Sponsoren mehr als Siege bei irgendwelchen Veranstaltungen. Freilich gibt es auch Events, bei denen Küenle gern vorbeischaut. Die "Red Bull Play Streets" zum Beispiel, die am kommenden Sonntag in Bad Gastein in Österreich stattfinden, sind für die besten Freestyler ein Pflichttermin. Die Bad Gasteiner bauen ihre Slopestyle-Piste nicht irgendwo am Berg, sondern quer durch die Gemeinde, die Fahrer starten von einer Schanze und jagen über Straßen, Dächer und alle möglichen Hindernisse quer durch den Ort. Eine Jury bewertet ihre Fahrt nach den Kriterien Kreativität, Akrobatik und Stil. Die Freestyle-Skifahrer sind heute aus den Snowparks nicht mehr wegzudenken, vieles verbindet sie mit den Snowboardern, auch Kleidung und Musik. "Manchmal weiß man nicht, ob man bei einem Street-Basketballturnier ist oder auf dem Berg", sagt Küenle angesichts des betont coolen Auftretens der Spaßabteilung im Schnee. Das jugendliche und trendige Image der Szene hat das Snowboarden zur olympischen Disziplin gemacht - und auch im Skifahren dürften Änderungen bevorstehen. Die bisherigen Freestyle-Disziplinen Buckelpiste und Aerials sind arg von gestern, sie werden sich auf Dauer kaum gegen Halfpipe oder Slopestyle halten können. Für Olympia allerdings müssten Küenle und Kollegen zurück in die Verbände, und das wollen die allerwenigsten. Sie legen Wert auf Individualität, internationale Strukturen, Freiheitsgefühl. "Deshalb haben wir uns ja von den Verbänden gelöst. Und deshalb wollen wir auch nicht zurück, wo wir nicht hingehören."

 


März 2008

 

 

 

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Veröffentlicht in Portraits

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