Interview Bode Miller - Das Leben, eine Frage der Balance
Drew Stevenson, der Vordenker der Snowboardszene,
nennt Sie „einen der größten Sportler aller Zeiten“,
weil Sie es geschafft hätten, der Beste zu werden
und dabei Ihre Wurzeln und Überzeugungen zu bewahren.
Was halten Sie von einem solchen Lob ausgerechnet
aus dem Lager der Snowboarder?
Es ist schön, für etwas geschätzt zu werden, das man selbst schätzt. Die Dinge, für die ich kritisiert werde, sind ja oft dieselben Dinge, die ich an mir selbst am meisten mag. Dinge, für die ich eintrete, die ich für wichtig halte.
Warum haben Sie Ihre sportliche Zukunft
immer auf Ski gesehen?
Ich bin auch Snowboard gefahren, ich war in unserer Gegend einer der Ersten. Als ich später als Skifahrer in der Vorbereitungsschule für das College war, gab es dort auch ein erstklassiges Snowboardprogramm – mit Jeremy Jones und solchen Leuten, die heute Weltklasse sind. Diese Jungs habe ich manchmal besiegt.
Warum sind Sie nicht umgestiegen?
Ihre Trainer hielten Ihre Technik doch
ohnehin für die eines Snowboarders.
Skifahren hat alles, was ich brauche. Es ist individuell, hat aber auch eine soziale Dimension. Und es hat keine Limits. Ich wollte immer ein großer Skifahrer werden, nichts anderes. Im Freestyle-Snowboarden gibt es Wertungsrichter, und so etwas gehört nicht in den Sport. Sport braucht objektive Kriterien. Wenn man über Millionen von Dollar redet und über Ruhm als ultimative Version des Erfolgs, dann kann man nicht von Leuten abhängig sein, die es hassen, wie du angezogen bist – oder etwas in der Art. Was man im Sport braucht, sind keine Wertungsrichter, sondern eine Uhr und ein Maßband.
„Wir haben ein Haus im Wald“, schrieb Ihre Mutter
einmal an die Schulbehörde, „und wir lernen dort draußen sehr viel.“
Was war das Wichtigste, das Sie dort draußen gelernt haben?
Freiheit, sie kommt daher mit Unabhängigkeit. Und Alleinsein mit seinem Nebenprodukt, dem Denken. Wenn Leute um dich herum sind, kannst du nicht so tief denken, wie wenn du allein bist. Wenn du acht Stunden durch den Wald gehst und mit keinem Menschen sprichst, nur mit deiner inneren Stimme, dann lernst du eine Menge über dich. Du lernst dort draußen auch, Entscheidungen zu treffen. Wenn du als Kind allein im Wald bist, kannst du entscheiden: „Ja, ich gehe weiter und weiß nicht wohin.“ Dann musst du die Konsequenzen tragen. So lernst du jenen Sinn für die Realität, den Kinder nicht lernen, die alles von ihren Eltern abgenommen bekommen.
Wie passt das zusammen: Ihre Fähigkeit, allein zu sein,
und Ihre Vorliebe für Partys?
Auch das kann man mit dem Mikrokosmos Skifahren erklären. Wenn du abfährst, dann bist du so erregt und so schnell, dass du manchmal dein Leben riskierst. Du bist verrückt. Und dann steigst du unten in den Lift, klappst den Bügel herunter und bist zu hundert Prozent sicher, langsam und ruhig. Alles ist eine Frage der Balance. Das gilt für das Skifahren wie für das Leben. Wir brauchen nicht das Mittelmaß, wir brauchen die Extreme, sie müssen wir ins Gleichgewicht bringen.
Warum ist Ihr Vater nach Franconia gezogen?
War das für ihn ein Rückzugsgebiet von der wirklichen Welt
mit all ihren Zwängen?
Wenn man einem Menschen etwas aufzwingen will, und er wendet sich dagegen, dann kann dieser Widerstand die Richtung seines Lebens sehr viel mehr ändern als alles, was er von sich selbst aus tut. Mein Vater kam aus einer rigiden, intoleranten Gegend, wo man gezwungen war zu leben wie alle anderen. In Franconia war das anders. Diese Gegend hat viel positive Energie. Sie ist wie ein gutes Buch, in dessen Stimmung man versinkt.
Sie sind in einer langsamen Welt aufgewachsen,
Ihr Vater ist Gründer der ökologisch-pazifistischen Turtle Party,
die Schildkröte war quasi das Wappentier Ihrer Familie.
Wie erklärt sich Ihr Faible für Geschwindigkeit?
Es geht mir nicht um Geschwindigkeit, Geschwindigkeit ist im Skisport nur ein Nebenprodukt des Strebens nach etwas, das es nicht gibt: Perfektion. Ich weiß, dass ich niemals ein perfektes Rennen haben werde, aber ich versuche es trotzdem. Und ich gebe nichts darauf, ob ich es bis zum Ende schaffe, ob ich eine Medaille gewinne oder nicht; der Sinn liegt nicht in einer Medaille, der Sinn liegt im Streben, sie zu gewinnen.
Geschwindigkeit bedeutet Risiko.
Wie begegnen Sie der Gefahr?
Ich bin kein Spieler, ich bin für Risikomanagement, und die einzige Möglichkeit für mich, das Risiko zu minimieren, ist, körperlich und mental auf einem möglichst hohen Level zu sein.
Wie gehen Sie in diese Saison?
Nach dem Vorbild der vergangenen,
mit Ihrem eigenen Team?
Ja, wir haben drei Wohnmobile dieses Jahr. Sie bieten mir alles, was ich brauche. Die komplette Logistik.
Wie groß ist Ihr Betreuerteam?
Ich habe zwölf Angestellte.
Nach welchen Kriterien haben Sie sie ausgewählt?
Ich muss die Leute mögen, aus dem einen Grunde oder dem anderen. Einer ist, dass sie ihren Job gut machen. Ein anderer ist, dass ich Spaß mit ihnen habe. Jake Serino, der wie im vergangenen Jahr mein Motorhome fährt, ist alles andere als ein guter Fahrer. Würde ich einen professionellen Fahrer engagieren, wären wir immer pünktlich am Ziel, und das Motorhome würde nicht ständig demoliert, aber das Gesamtbild, das ich brauche, wäre ohne Jake nicht da. Deshalb ist er dabei. Er ist ein wirklich guter Koch, aber sehr faul. Er schläft praktisch immer, manchmal vergisst er, mir das Frühstück zu machen, sogar an Renntagen, aber ich akzeptiere das, er ist einer meiner besten Freunde, ich kenne ihn seit seiner Geburt, ich möchte ihn nicht missen.
Sie verbringen seit Jahren viel Zeit in Europa.
Welches sind die wichtigsten Unterschiede im Denken,
im Leben zwischen Europa und den Vereinigten Staaten?
Es ist schwer, schlecht über sein eigenes Land zu reden, aber es gibt nicht viel, was ich an Amerika bewundere. Ich mag nicht die Qualität der Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten, Ausnahmen wie Franconia sind selten, ich mag nicht die Art des Sozialsystems, ich mag generell den Lifestyle nicht, nicht, wie die Regierung mit den Leuten umgeht, ich mag nicht die Stagnation in vielen Bereichen. Nichts bewegt sich, nichts geht voran, nichts wird verändert – es sei denn, es liegt im Interesse der wichtigen, der bedeutenden Leute. Dann geht alles sehr schnell.
Amerika steht vor der Wahl. Obama oder McCain?
Was erwarten Sie vom 4. November?
McCain und Sarah Palin als Vizepräsidentin wären eine völlig verrückte Wahl für jedes Land, auch für Puerto Rico. Beide sind sehr gefährlich. Obama und Joseph Biden hingegen haben in einer schwierigen Zeit ein intelligentes Team und ein gutes Programm. Sie gehen in die richtige Richtung.
Oktober 2008