Diese Woche Wengen, nächste Woche die legendäre "Streif" in Kitzbühel - der Januar ist der Monat der Abfahrer, die Hochzeit des Adrenalins. Was sind
das für Leute, die sich ein Paar Ski unterschnallen und damit auf einer Eispiste fast senkrecht in die Tiefe jagen? "Die Abfahrer, das sind die knallharten Jungs", sagt Felix Neureuther, der
lieber im Slalom enge Kurven dreht. "Die riskieren ihr Leben. Das sind die, die irgendwann den Schädel abschalten." Männer wie der Norweger Aksel Lund Svindal zum Beispiel. Der Doppel-Weltmeister
von 2007 hat vergangenen Dezember die Weltcup-Abfahrt in Beaver Creek gewonnen - exakt 372 Tage nachdem er sich bei einem Horrorsturz auf derselben Piste schwere Verletzungen zugezogen hatte,
darunter mehrere Knochenbrüche im Gesicht. Er musste ein ganzes Jahr pausieren, dann stand er wieder am Start - und gewann.
Wiederauferstehungen dieser Art sind für Abfahrer nichts Ungewöhnliches. Hermann Maiers Crash bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano machte ihn
zum Superstar, weil er - als wäre nichts geschehen - ein paar Tage später Gold im Super-G und im Riesenslalom gewann. Oder der Amerikaner Scott Macartney: Vor genau einem Jahr stürzte er bei
der Abfahrt in Kitzbühel bei rund 140 Kilometern pro Stunde im Zielhang, erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und musste ins künstliche Koma versetzt werden. Macartney fährt längst wieder Rennen, am
Samstag stürzte er in Wengen, dennoch will er nächste Woche auf der Streif im Starthäuschen stehen.
Abfahrer sind Schmerzen gewohnt. Um die größtmögliche Kontrolle über seine Füße und damit seine Ski zu haben, trägt der Amerikaner Bode Miller seine Abfahrtsstiefel seit Jahren
drei Nummern zu klein. "Es ist eine langsame Folter", sagt er, aber anders gehe es nicht. Früher waren die Abfahrer mit 2,30 Meter langen, fast geraden Latten unterwegs, heute sind die Ski
fünfzehn Zentimeter kürzer und tailliert; wer sie beherrscht, fährt wie auf Schienen, wer nicht, der kann die extremen Kurvengeschwindigkeiten nicht durchstehen und fliegt buchstäblich davon.
"Die Ski-Technik kommt aus dem Weltraum", sagt Olympiasieger Markus Wasmeier, "der Mensch aber hat sich nicht geändert, er hat immer noch die alten Bänder, Sehnen und Knochen." Nur die Muskeln
sind dicker geworden, sie sind die Lebensversicherung der Athleten. Im Abfahrer-Dreiklang "Gewicht, Kraft, Mut" spielt die Kraft eine immer wichtigere Rolle. Nur sie kann die wild gewordene
Technik zähmen - wenn alles gutgeht. Wenn nicht, drohen üble Verletzungen. Und nicht jeder kehrt auf die Piste zurück. Der österreichische Speedfahrer Matthias Lanzinger stürzte im März 2008
beim Super-G in Kvitfjell in Norwegen und erlitt einen offenen Unterschenkelbruch mit schweren Gefäßverletzungen. Nach vier Operationen gaben die Ärzte den Kampf um sein Bein auf und
amputierten es unterhalb des Knies. 2001 hatte der Schweizer Silvano Beltrametti bei der Weltcup-Abfahrt in Val d'Isère die Absperrungen durchschlagen und ist seither ab dem siebten Brustwirbel
gelähmt. Solche Schreckensmeldungen und Horrorunfälle sorgen immer wieder für scharfe Kritik an Pistensicherheit, Rettungsdiensten oder sensationsgierigen Veranstaltern, doch sie verhallt
jeweils schnell. Abfahren sei ein "Hochrisikosport", heißt es von der Gegenseite, jeder wisse, auf was er sich einlasse.
"Eine Form der Kampfkunst" nennt Bode Miller die Abfahrt. Um die modernen Ski auf den glasharten Rennpisten bei Tempo 120 durch die Kurven zu steuern, brauche man nicht nur eine
gute Technik, sondern auch "Beine wie Brückenpfeiler". Bei Werbeaufnahmen für eine Jeansfirma musste der Amerikaner einst passen, in handelsübliche Hosen passten seine Oberschenkel nicht
hinein.
Wie es sich anfühlt, auf den ersten 150 Metern der Streif auf mehr als 100 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen, um dann in die 85 Prozent steile Mausefalle hineinzusteuern und
bis zu 80 Meter weit zu springen, ehe die folgende Kompression einen in den Boden zu drücken droht, erklärt Miller so: "Die Belastung kann das Vierfache der Erdanziehungskraft erreichen, wie in
einem Starfighter, nur eben ohne Starfighter" - der Abfahrer als menschlicher Kampfjet, der auf einer Eisbahn dahinrast. Seit 15 Jahren schon produzieren sie in Kitzbühel die knallharte
Unterlage mit Schneekanonen und sogenannten Wasserinjektionsbalken, die für eine völlige Vereisung der Piste sorgen.
Wie wird man Abfahrer? "Man muss ein Draufgänger sein", sagt Didier Cuche. Der Schweizer, gelernter Metzger und zweimaliger Sieger in Kitzbühel, ist 1,74 Meter groß und bringt 84
Kilogramm auf die Waage, in der Hauptsache Muskeln. "Es geht bei der Abfahrt darum, etwas sehr Gefährliches zu beherrschen", sagt er. "Unterwegs ist der Spaßfaktor extrem hoch - wenn man das
Gefühl hat, alles im Griff zu haben."
Den Spaßfaktor hatten schon Mitte der siebziger Jahre die "Crazy Canucks" gepflegt. Unter diesem Etikett prägte eine Gruppe kanadischer Rennläufer seinerzeit die Abfahrtsrennen im
Weltcup. Jim Hunter, Dave Irwin, Ken Read, Dave Murray und Steve Podborski brachen in die Dominanz der Europäer ein und begeisterten durch ihren waghalsigen Fahrstil. Sie stürzten häufig, und
sie gewannen häufig, Ken Read war 1975 der erste Nordamerikaner, der eine Weltcup-Abfahrt für sich entscheiden konnte. Insgesamt gewannen die "Crazy Canucks" bis 1984 vierzehn
Weltcup-Abfahrten, belegten zehn zweite und sechzehn dritte Plätze. Sie wurden zum Inbegriff der furchtlosen, zu allem entschlossenen Abfahrer.
Der österreichische Volksheld Franz Klammer führt die ewige Bestenliste mit 25 Weltcupsiegen in der Abfahrt an, gefolgt vom Schweizer Peter Müller (19) und Klammers Landsmann
Stephan Eberharter (18). Österreicher, Schweizer, Amerikaner, Franzosen, Norweger, Italiener sind unter den ewigen Top Ten der Abfahrtssieger vertreten, einen Deutschen sucht man vergebens. In
der langen Geschichte des Weltcups gab es nur vier deutsche Abfahrtssieger: Franz Vogler gewann 1972 in Crystal Mountain, Sepp Ferstl 1978 und 1979 auf der "Streif", Markus Wasmeier 1987 in
Wengen und 1992 in Garmisch, Max Rauffer 2004 in Gröden. Hans-Jörg Tauscher, der nie ein Weltcuprennen gewann, wurde 1989 Weltmeister in Vail. Der letzte Deutsche, der an guten Tagen in der
Weltspitze mithalten konnte, war Florian Eckert. Nach seinem verletzungsbedingten Rücktritt 2005 hat keiner mehr den Anschluss geschafft.
Woran das liegt? Der Österreicher Walter Hlebayna hat als Abfahrtstrainer des Deutschen Ski-Verbandes keinen leichten Job. Der Rückstand der deutschen Speed-Fraktion ist groß, und
einen guten Abfahrer formt man nicht von heute auf morgen. Hlebayna sieht Defizite in der Vergangenheit, zu wenig Training, zu wenig Intensität, beides sei ausgeräumt, doch die Jungen - Peter
und Andreas Strodl, Stephan Keppler - bräuchten Zeit, viel Zeit. Technik, Routine, Linienführung - es dauere Jahre, bis sich ein Talent in der Abfahrt auf internationales Niveau vorgearbeitet
habe.
Cuche, 34 Jahre alt, trainiert im Durchschnitt 25 bis 30 Stunden pro Woche, macht Sprünge mit schweren Gewichten, Ausdauertraining, Gleichgewichtsübungen. Seit zehn Jahren ist er
Abfahrer auf höchstem Niveau. Verletzungen? Cuche winkt ab. "Das Übliche", sagt er. "Oberschenkelbruch, Wadenbeinbruch, Schienbeinbruch, Kreuzbandriss." Und chronische Bandscheibenprobleme im
Rücken als Erinnerung an einen Sturz mit 18, "als es mich mal richtig zusammengeklappt hat". Cuche lässt es deshalb heute im Zweifel ein wenig langsamer angehen. "Die Erfahrung hilft zu wissen,
wo das Limit liegt", sagt er. "Nach dreißig Fahrten auf der Streif weißt du, wo du auf der Strecke etwas herausholen kannst und wo nicht." Strategie bei höchster Geschwindigkeit und Anspannung
- Abfahren ist in der Weltspitze auch Routine und eine Frage des Instinkts.
Fährt die Angst mit? "Nein", sagt Cuche. "Wenn du Angst hast, ist es zu spät, dann bist du schon unterwegs in Richtung Sturz." Angst, das ist kein großes Thema unter den Abfahrern.
"Richtig Angst hatte ich eigentlich nur einmal in meiner Karriere", sagt Cuche, "damals, als ich zum ersten Mal oben am Start von Kitzbühel stand." Walter Hlebayna kann das gut verstehen. "Dort
oben darfst du nicht nachdenken. Für die ersten paar Sekunden musst du alles ausschalten. Sonst hast du ein Problem." Der Liechtensteiner Abfahrer Marco Büchel weiß vom Kitzbüheler Starthang
nur so viel zu berichten: "Da geht es ums nackte Überleben."
Kommentare