Jake Burton - Der Erfinder des Snowboards
Ein ganzes Jahr, das nur aus Winter besteht, zwölf weiße Monate aus glitzerndem Schnee. Jake Burton ist mittendrin, sich diesen Traum zu erfüllen. Kanada, die Vereinigten Staaten, Chile, Argentinien, Neuseeland, Australien, China, Vietnam, heute Livigno, Italien, morgen Tansania, Marokko, ja auch dort gibt es Schnee, auch dort läßt sich Snowboard fahren. Burton, 49 Jahre alt, reist nicht allein, seine Frau Donna und die Kinder Timmy, Taylor und George, vierzehn, zehn und acht Jahre alt, sind dabei, ebenso zwei Lehrer, die den Nachwuchs unterrichten.
In Livigno, wo in der vergangenen Woche die European Open der Snowboarder stattfanden, war Burton die Attraktion. Vielleicht ist der Mann, der das Jahr zum Winter macht, tatsächlich der Erfinder des Snowboards, auf jeden Fall aber ist er derjenige, der die Sportart groß gemacht hat. Seine Firma Burton Snowboards ist ein weltweit aktives Millionenunternehmen, das neben Boards auch Kleidung, Schuhe, Bindungen, Brillen und jedes erdenkliche Zubehör produziert und vertreibt; es setzt seit nunmehr sechsundzwanzig Jahren die Standards in der Szene, in der Produktion und auf den Pisten, Jake Burtons internationales Fahrerteam ist das Real Madrid der Snowboarder, ein königliches Team der Besten unter den Besten.
Die Legende sagt, daß es geschneit hat an jenem kalten Dezembertag 1977 in New York, Jake Burton Carpenter schaute aus dem Fenster und entschloß sich, seinen Job als Investmentbanker zu kündigen. Der Entschluß war lange gereift. "Ich war nicht glücklich in meinem Beruf", sagt Burton, und nun war es soweit. Mit 23 Jahren ließ er alles hinter sich und gründete wenige Tage später ein eigenes Unternehmen: Burton Snowboards, seinen Nachnamen ließ er der Einfachheit halber weg. Die Firma hatte eine kleine Schwäche: Snowboards gab es zu dieser Zeit noch nicht. Was es gab, war der Snurfer, den der Sonderling Tom Sims als Instrument zur Kinderbelustigung gebastelt hatte, ein Brett aus Plastik ohne Bindung, nur mit einer Schlaufe, und mit einem Seil an der Spitze, an dem man sich festhalten konnte. Aus diesem skurrilen Teil hat Burton seinen Traum vom "Snowboard" entwickelt. Nachdem er gekündigt hatte, zog er nach Vermont, stellte zwei Verwandte ein und begann in einer Scheune in Londonderry mit der Produktion der ersten Modelle. Extrem optimistisch sei er gewesen, sagt Burton heute, aber die ersten Jahre wurden zum Desaster. Statt der erhofften 2500 Boards verkaufte er im ersten Jahr nur 300, und nach zwei Jahren war die Firma praktisch pleite. Burton verdingte sich als Barkeeper und Tennistrainer, um seinen Traum am Leben zu erhalten. Und er änderte seine Strategie: Er warb nicht mehr für Burton Snowboards, er warb für Snowboarden, er wollte nicht mehr zuerst seiner Firma zum Durchbruch verhelfen, sondern der Sportart. Im Pick-up, vollgestopft mit Material, fuhr er Tausende von Meilen über Land, ging in Schulen, warb an Tankstellen, stattete in den Skigebieten lokale Größen mit Boards aus, fuhr selbst jeden Hang, jeden Lift, der möglich war, unermüdlich, jeden Tag, und war er daheim, wartete er auf Aufträge, das Bürotelefon stand im Schlafzimmer; wenn Kids von der Westküste mitten in der Nacht anriefen und ein Brett bestellten, notierte er Namen und Adresse und schrieb die Aufträge. Das Geschäft lief an, Burton reiste nach Europa, besuchte österreichische Skifirmen, um sich über Materialien zu informieren, und entwickelte seine Bretter immer weiter.
Jake Burton hat sich längst aus dem Tagesgeschäft seines Unternehmens verabschiedet, er bestimmt die Strategie, testet Material des nächsten Jahrgangs, wählt das Personal aus und schwebt ein wenig über allem. Noch immer gehört ihm der ganze Laden, Nike, heißt es, hätte großes Interesse an einer Übernahme des Snowboard-Marktführers, aber Burton bleibt standhaft, so wie in Zeiten der Aktienhype, als er dem Lockruf der Börse widerstand. Zahlen nennt er nicht, keinen Umsatz, keinen Gewinn, nichts. "Wir sind ein Privatunternehmen", sagt er, "Zahlen sind unsere Sache." Jake Burton ist ein Global Player geworden, ein steinreicher Unternehmer, und doch ist er ein Snowboarder geblieben.
Hundert Tage pro Jahr auf dem Board, im Schnee - das ist das mindeste, und das ist keine Masche. Seine Begeisterung für das Snowboarden ist ungebrochen. Was ist der Reiz, die Faszination? Warum gibt es mittlerweile Millionen Snowboarder? Warum fährt die Jugend auf die Schneebretter ab? Burton sollte es wissen, doch so einfach ist das nicht. Damals, als alles anfing, sagt er, habe Skifahren keine Energie mehr gehabt, eine Sportart ohne Kraft, ohne Leidenschaft, das habe Platz geschaffen für etwas Neues.
Dazu ein Schuß Rebellion als Treibstoff und dieser eigenartige Zauber, der andere Boardsportarten wie Skateboarden und Wellenreiten umweht, eine Prise Mode, eine Prise Musik - fertig ist der Lifestyle-Sport. Für Jake Burton ist Snowboarden noch ein Stück mehr. Wie Skateboarden oder Wellenreiten habe es auch eine soziale und eine ästhetische Dimension. Sozial, weil es beim Snowboarden letztlich nicht um Gewinnen oder Verlieren gehe, sondern um ein gemeinsames Erlebnis, was man in Livigno dieser Tage eindrucksvoll erleben konnte, als die besten Fahrer der Welt nach Wettkämpfen in der Halfpipe und an riesigen Schanzen immer wieder gemeinsam den Neuschnee durchpflügten. Und Ästhetik? Nicht höher, schneller, weiter - sondern einfach nur schöner. Snowboarden auf höchstem Niveau, sagt Burton, sei letztlich eine Frage des Stils. Individualität und Kreativität, im Freestyle-Snowboarden lasse sich Persönlichkeit ausdrücken.
Vielleicht ist dies das Geheimnis. So ganz genau weiß dies aber auch Jake Burton nicht. "Ich hatte viele Visionen", sagt er, "aber die Vision, daß Snowboarden so groß werden würde, wie es ist, die hatte ich nie."