Zwanzigtausender
Beim Empfang der Kanzlerin fehlte Torsten Frings noch,
der Bremer Fußballprofi stand im Stau, aber beim anschließenden
deutlich wichtigeren Termin, den Prämienverhandlungen für
die WM-Qualifikation, war Frings dabei, und das ist die Hauptsache.
Leider sind solche Verhandlungen ja nicht nur hochinteressant,
sondern auch streng geheim. Doch das ist nicht weiter schlimm,
denn der Ablauf ist klar – man muss sich ihn unter Einbeziehung
liebgewonnener Vorurteile einfach vorstellen wie den Weltfinanzgipfel,
nur dass hier nicht Vertreter der führenden Industrie- und Schwellenländer
zusammenkommen, sondern Abgeordnete der führenden deutschen
Fußballvereine und -verbände, und dass nicht gepanzerte Stretchlimousinen
vorfahren und schwarze Staatskarossen, sondern Hummer-Geländewagen
und bonbonrote Sportrenner.
Es geht auch nicht um den Umbau des Weltfinanzsystems,
aber doch um einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der Rezession,
nämlich um ein Konjunkturprogramm zur Ankurbelung der Investitionen
zum Beispiel in Hummer-Geländewagen und bonbonrote Sportrenner.
Die Vorurteile mal beiseitegelegt, kann man sagen, dass die Ergebnisse
der nächtlichen Fußballprämien-Verhandlungen vorbildlich sind.
Die Boni sollen nämlich nach Leistung gezahlt werden, woran auch
schärfste Kritiker der kickenden Großverdiener nicht herummäkeln können.
Die gewohnte Höchstleistung vorausgesetzt, kann jeder Nationalspieler
in der WM-Qualifikation 200.000 Euro verdienen. Wie der Prämienkatalog
ganz genau ausschaut, weiß keiner, aber durchgesickert ist, dass
beispielsweise das Hochhalten von „Danke, ihr seid die geilsten Fans“-Transparenten
nach Heimspielen mit 10.000 Euro dotiert ist, so dass auch Mannschaftsführer
Michael Ballack dieser lästigen Pflicht künftig mit etwas mehr Enthusiasmus
nachkommen kann.
Der Empfang bei der Bundeskanzlerin und die sich daran
anschließende Prämienverhandlung, da verraten wir kein Geheimnis,
sind zwei Halbzeiten eines einzigen Spiels, wie sich halbwegs
kombinationssichere Beobachter sofort gedacht haben. Die Kanzlerin
spannte nämlich vorab einen weiteren Finanz-Rettungsschirm auf
und übernahm eine öffentliche Bürgschaft für eventuelle Prämienausfälle
durch strauchelnde Sponsoren oder angeschlagene Fernsehsender,
eine Hilfe, die der DFB aber nicht in Anspruch nehmen will.
Fußballer spielten auch im Regen, sagte Präsident Zwanziger,
dem die Kanzlerin angesichts seines Namens in diesen finanziell
schweren Zeiten spontan ein Upgrade auf Theo Zwanzigtausender vorschlug
sowie eine staatliche Bürgschaft über diese Summe, aber auch
dieses Angebot lehnte der DFB-Chef mit Hinweis auf sein allzeit
bodenständiges Wirtschaften dankend ab.
November 2008