Winfried Schäfer - Abenteurer wider Willen

Veröffentlicht auf von Michael Eder

    Foto Eder

 

Winfried Schäfer hat seinen freien Tag, gute Gelegenheit, ihn zu treffen. 14 Uhr im Hotel. Knapp vorher klingelt das Telefon. Sorry, sagt Schäfer, er sei noch in Abu Dhabi, auf der deutschen Botschaft, dringende Angelegenheit, er werde etwas später kommen, in einer guten Stunde sei er zurück in Al Ain. Er verspricht nicht zu viel, der Audi Q7, dem ihm sein Verein, der Al Ain Sports and Cultural Club, als Trainergefährt neben einer Villa mit vier Schlafzimmern und einem fürstlichen Gehalt überlassen hat, leistet ganze Arbeit. Von der Hafenstadt Abu Dhabi zur Oase Al Ain an der Grenze zu Oman zieht sich die Autobahn fast 160 Kilometer durch die Wüste.

 

    Schäfer ist angekommen in Al Ain. Ein schöner Tag am Ende eines Winters, der sich anfühlt wie ein Sommer in Europa. Es ist Nachmittag, Schäfer, 58, hat sich wenig verändert in all den Jahren. Jeder, der sich an seine erfolgreichen Zeiten erinnert, würde ihn sofort erkennen, auch die Frisur sitzt noch wie angegossen. Der rastlose Trainer hat noch nichts gegessen an diesem Tag, noch nicht einmal zu einem Kaffee hat es gereicht bisher. Schäfer beginnt zu erzählen.

 

    Er hatte Probleme mit dem Reisepass, deshalb die Fahrt zur Botschaft nach Abu Dhabi. Der Pass war voll, keine einzige Seite mehr frei für den Stempel, der seine Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Arabischen Emiraten besiegeln sollte. Würde es eines Beweises bedürfen, dass Schäfer weit herumgekommen ist in der bunten Fußballwelt, so wäre sein Reisepass das passende Dokument.

 

    Als Nationaltrainer von Kamerun (2001 bis 2004) hat er den halben afrikanischen Kontinent abgeklappert, mit Al Ahli Dubai (2005 bis Februar 2007) holte er den Meistertitel der Emirate, und nun, seit Dezember des vergangenen Jahres, steht er in Al Ain unter Vertrag, einem Verein, der 2003 Asienmeister war und seither den Anschluss an die Spitzenteams aus Dubai verloren hat, was die Herrscher im Emirat Abu Dhabi, zu dem Al Ain gehört, nicht über die Maßen erfreut. Schäfer soll den Klub wieder nach oben bringen, das ist seine Aufgabe. Seine Erfolge seit Dezember sind überschaubar, aber obwohl Al Ain unter seiner Führung in der Liga erst zwei Siege errungen hat, verlängerte der Verein den Kontrakt mit Schäfer vorzeitig um ein Jahr bis zum Sommer 2009. Der deutsche Trainer soll die Chance bekommen, etwas aufzubauen, er hat einen guten Ruf in den Emiraten. Und gerade als sein Kontrakt verlängert war, kam die Kunde aus Tunesien, dass er dort als Nationaltrainer im Gespräch sei. Schäfer fühlte sich geschmeichelt, formulierte aber sogleich ein Treuebekenntnis für seinen Arbeitgeber, das sich wenig später auf der Internetseite des Vereins formvollendet so las: Die Arbeit unter der Führung seiner Hoheit Scheich Mohammad Bin Zayed, Präsident des Klubs, und seiner Hoheit Scheich Hazza Bin Zayed, erster Vizepräsident, und seiner Exzellenz Mohammad Khalfan Alrumaithy, Vorsitzender des Exekutivkomitees, sowie seiner Exzellenz Hamad Bin Nukhairat, Supervisor der Mannschaft, sei eine Ehre für jeden Trainer, und deshalb werde er in Al Ain bleiben, um das Team dorthin zu bringen, wo es hingehöre: an die Spitze des arabischen Fußballs.

 

    Schäfer hängt sich in seine Arbeit. Seit Dezember ist er nicht ein einziges Mal heim nach Deutschland geflogen, zu seiner Familie in Ettlingen, noch nicht einmal über Weihnachten. Seine Frau und seine Tochter haben ihn für drei Wochentage besucht, das war's.

 

    Wenn Schäfer über seine Aufgabe erzählt, über den Fußball, seine Leidenschaft, dann wendet sich sein Blick wie automatisch zurück nach Karlsruhe. Das war seine goldene Zeit. Mit dem KSC (1986 bis 1998) hatte er spektakuläre Erfolge, doch danach brach die Karriere ab. Er scheiterte beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia, fiel aus dem deutschen Trainerkarussell und ging mangels erstklassiger Vereinsangebote schließlich nach Kamerun, danach in die Emirate.

 

    Jetzt sitzt er auf der Terrasse eines der besten Hotels in Al Ain und sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel unterwegs sein würde. Ich bin nicht der Typ dazu, ich bin kein Globetrotter."

 

    Er schuftet in Al Ain, und was ihn antreibt, ist auch der Wille, es allen in Deutschland noch einmal zu zeigen, allen, die ihn schon lange nicht mehr auf der Rechnung haben. Er versteht diese Leute nicht. "Ich begreife nicht", sagt er, "warum man in Deutschland Trainer mit riesigem Erfahrungsschatz nicht nutzen will." Er würde zu gern noch einmal beweisen, dass er auch mit 58 Jahren die Kraft und die Klasse hat, um in der Bundesliga zu arbeiten. Oder auch bei einem renommierten Verein der zweiten Liga, auch als Sportdirektor. Nach Kaiserslautern wäre er im vergangenen Sommer gern gegangen, doch dann haben sie ihm den unerfahrenen Norweger Rekdal vorgezogen.

 

    Am nächsten Morgen Treffpunkt im Kraftraum. Eine kilometerlange Mauer umzieht die moderne Stadionanlage mit Trainingshalle, einem halben Dutzend Übungsplätzen, Fußballinternat, sogar einer Moschee. Schäfer hat vier Cotrainer, darunter einen Fitness-Experten. Die Bedingungen, unter denen er arbeitet, sind exzellent.

 

    Bis Saisonende muss er schauen, dass er mit seiner Mannschaft über die Runden kommt, dann wird sie Verstärkung bekommen, zwei starke Ausländer hat ihm der Scheich versprochen, sie braucht er dringend, denn die Ausländer, meist Brasilianer, machen den Unterschied aus in einer Liga, die vorschreibt, dass in jeder Mannschaft jederzeit acht Emiratis auf dem Platz stehen müssen. Mit den Neuen und den Talenten aus dem eigenen Nachwuchs will Schäfer angreifen und um die Meisterschaft spielen. Und Arabisch will er lernen, "um auch Dinge zu verstehen, die ich sonst nicht mitbekomme". Er hat viel vor in Al Ain.

 

    Ist er ein Vertriebener, ein Abenteurer wider Willen? Hat ihn der deutsche Fußball in die Wüste geschickt? "Ich bin selbst gegangen", sagt Schäfer, aber da ist noch ein bisschen mehr. Schäfer hat noch eine Rechnung offen mit dem deutschen Fußball, und er würde sie liebend gern begleichen.


März 2008 

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Veröffentlicht in Portraits

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