Benjamin Lauth - Von "Benny Bomber" zum "Totalversager"

Veröffentlicht auf von Michael Eder

Der Tag, an dem Werner Lorant bei 1860 München entlassen wurde, war für Benjamin Lauth der erste Trainingstag als Profi. Peter Pacult, Lorants Nachfolger, holte ihn 2001 aus der Amateurmannschaft nach oben. Eine Verletzung warf den damals Neunzehnjährigen noch einmal zurück, doch Pacult bewies psychologisches Feingefühl, als er den Nachwuchsmann im letzten Spiel der Saison 2001/02 gegen Mönchengladbach fünf Minuten vor Ende einwechselte. Das erste Tor schoss Lauth im zweiten Spiel der neuen Saison, wieder als Einwechselspieler, und von da an ging es steil bergauf.

 

    "Es gab zu diesem Zeitpunkt nur wenige vielversprechende junge Spieler, und weil auch die Nationalmannschaft nicht so gut funktionierte, habe ich schnell Hoffnungen und Aufmerksamkeit geweckt. Erst in München, da war da plötzlich einer aus der Stadt, der gespielt und getroffen hat. Dann habe ich gegen Schalke zwei Tore gemacht, und dann wurde es bundesweit und immer mehr."

 

    Plötzlich war Benny Lauth die neue Hoffnung des deutschen Fußballs. Aus dem Jungen aus Fischbachau in der Nähe des Schliersees wurde in Rekordzeit "Benny Bomber" und als Werbefigur der "Nutella-Boy". Er wurde Nationalspieler und gleich beim ersten Auftritt im deutschen Trikot gelang ihm ein spektakulärer Treffer, den die Zuschauer der ARD zum "Tor des Jahres" wählten. Er schien der kommende Superstar, schnell, wendig, elegant, leichtfüßig - so einen Stürmer hatte man in Deutschland lange nicht gesehen.

 

 

    Wie kommt man mit alledem zurecht als junger Spieler?

 

    "Das war auf der einen Seite okay und positiv, auf der anderen Seite auch schwierig. Ich habe von dieser großen Öffentlichkeit profitiert, was Aufmerksamkeit betrifft, auch Werbung. Natürlich hätte ich es gern etwas ruhiger gehabt, aber wenn man viele Tore schießt, ist man automatisch in den Medien präsent. Man kann das nicht verhindern, man hat keine Kontrolle darüber."

 

    Bekamen Sie Hilfe vom Verein?

 

    "Es war mein erstes Profijahr, und da ist es für einen jungen Spieler, der sich in diesem Geschäft nicht auskennt, schwer zu sagen: Dies und das möchte ich nicht. Es ist eins zum anderen gekommen, und am Ende war es eine ganze Menge. Für mich wäre es im Nachhinein besser gewesen, wenn einer mal gesagt hätte: Lass das eine oder andere weg, das sparen wir uns jetzt!"

 

    Die alte Geschichte: Je schneller der Aufstieg,
desto tiefer der Fall?

 

    "Je weiter es nach oben geht, desto höher liegt die Messlatte für die Zukunft. Man wird an Leistungen und Erwartungen gemessen, die schwer zu erfüllen sind. Man ist plötzlich auf einem sehr hohen Level."

 

    Gab es einen Knackpunkt?
Einen Punkt, der den Abstieg einleitete?

 

    "Schwer zu sagen. Ich habe mich verletzt und dadurch die Europameisterschaft 2004 verpasst. Und wenn die Messlatte erst einmal sehr hoch liegt, dann ist es gerade nach einer Verletzung sehr schwer, schnell wieder dorthin zu kommen, wo man war - ohne dass die Leute sagen: Was ist mit dem los? Das reicht wohl nicht mehr? Man ist selbst unzufrieden, wenn man nicht da ist, wo einen die Leute sehen wollen. Plötzlich ist gut nicht mehr gut genug."

 

    Die "Löwen" stiegen 2004 aus der Bundesliga ab, und Lauth wechselte zum Hamburger SV. Die Münchner waren froh, ihn verkaufen zu können, sie fürchteten um die Lizenz und waren froh, 4,2 Millionen Euro für Lauth zu bekommen. Er kam mit einer Verletzung nach Hamburg und konnte sich nie richtig durchsetzen.

 

    "Ich habe am Ende nicht das gebracht, was ich mir erhofft hatte und was die Leute erwartet haben. Dennoch war es alles im Rahmen dessen, was okay ist für einen jungen Spieler. Aber am Ende hieß es: Der ist gescheitert. Es spielte keine Rolle mehr, dass wir im Jahr davor den UI-Cup gewonnen hatten, im Viertelfinale im Uefa-Cup standen und in der Bundesliga Dritter geworden sind - und dass dabei nur Sergej Barbarez mehr Spiele gemacht hatte als ich."

 

    Im Winter 2006 liehen die Hamburger Lauth, mittlerweile 25 Jahre alt, nach Stuttgart aus. Seine Hamburger Bilanz: 47 Bundesligaspiele, zehn Tore. Am Ende aber war er kaum noch zum Einsatz gekommen.

 

    "Ich bin von Hamburg weg, weil ich wieder spielen wollte. Das hat geklappt. Die letzten sieben, acht Saisonspiele habe ich in Stuttgart alle von Anfang an gemacht, wir sind deutscher Meister geworden, wir waren die beste Rückrundenmannschaft, wir standen im Pokalfinale."

 

    Mit Neuzugang Ewerthon, Cacau und Lauth hatte der VfB neben dem gesetzten Gomez drei ähnliche Stürmertypen, einer musste gehen, und das war Lauth. Er hatte zwar viele Spiele gemacht, aber nur einmal ins Tor getroffen. Er war ausgeliehen, der VfB verzichtete auf die Kaufoption, Lauth musste zurück nach Hamburg, und das Urteil stand fest: Wieder war er gescheitert.

 

    "Das stimmt so nicht. Ich war an der Meisterschaft beteiligt, ich habe gespielt, ich habe dazu beigetragen. Es war okay, es war gut, aber es war eben wieder nicht gut genug."

 

    Modern geführte Vereine bieten Spielern psychologische Hilfe an.
Haben Sie damit Erfahrung?

 

    "Ich habe so etwas auch ausprobiert, aber das hatte nichts mit den Vereinen zu tun. Wichtig ist: Man muss an sich selbst glauben. Tore geben Sicherheit, und das Gefühl, ein gutes Spiel gemacht zu haben, kann man durch nichts ersetzen, auch nicht durch einen Psychologen. Ein Tor ersetzt viele Gespräche."

 

    Sind Stürmer psychisch besonders gefährdet?

 

    "Ein Stürmer ist immer abhängig von Toren, er steht immer extrem im Blickpunkt, das ist das Schwierige, aber auch wieder das Schöne, wenn es läuft. Ich möchte die Rolle nicht tauschen, auch wenn man auf anderen Positionen sicher die Möglichkeit hat, mit soliden Leistungen unauffällig und konstant zu spielen. Ein Stürmer wird entweder gefeiert, oder aber er steht in der Kritik."

 

    Haben Sie die Krise verfolgt, in die Gomez,
Ihr ehemaliger Stuttgarter Mitspieler,
während der Europameisterschaft geraten ist?

 

    "Gomez konnte zwei Jahre schießen, wie er wollte, und hat immer getroffen, bei der EM ging es für ihn schlecht los, dann fängt man an zu überlegen, und dann kommt eines zum anderen. Wenn er im ersten EM-Spiel, als ihm Klose den Ball einen Tick zu weit rüberlegt, nach zwei Minuten sein erstes Tor geschossen hätte, dann bin ich mir sicher, läuft für ihn alles anders, dann macht er im Turnier vier oder fünf Tore."

 

    Als Stuttgart Lauth nicht mehr haben wollte, musste er zurück nach Hamburg, doch die Reise ging gleich weiter. Der HSV verkaufte ihn für 5o0 000 Euro an Hannover 96.

 

    "Hannover - von außen betrachtet hätte das gut passen können; ein Verein, der sich gut entwickelt und der - genau wie ich - wieder nach oben will. Ein Jahr später muss ich nun sagen, es hat nicht gepasst, und deshalb musste ich etwas anderes machen. Ich bin nicht der Erste, dem das passiert ist. Die Position, die ich spielen musste, im Mittelfeld, war für mich nicht ideal, aber natürlich muss ich auch da besser spielen, als ich das in Hannover getan habe. Aber das ist Geschichte."

 

    Und dann lief die Sache aus dem Ruder. Auf dem Boulevard begann eine Kampagne, die beispiellos ist in der Geschichte des deutschen Fußballs und in einem "Bild"-Kommentar gipfelte, in dem unverblümt zur Gewalt aufgerufen wurde: "Warum lassen wir zu, dass mittelmäßige Kicker bei uns abkassieren wie Weltmeister?", hieß es da, und weiter: "Wenn ein Benny Lauth, Totalversager und Ersatzspieler bei Hannover 96, wie James Bond mit einem Aston Martin V12 (528 PS) vorfährt, dann sollte er von seinen Vorgesetzten doch eigentlich auf die Fr. . . kriegen, oder?"

 

    Auf die Fresse kriegen?

 

    "Man darf so etwas nicht an sich rankommen lassen. Das geht bis zu einem gewissen Grad. Mich stört, mit welcher Berechtigung sich Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, das Recht herausnehmen, so zu schreiben. Dass sie so etwas schreiben können, ohne dass ich entgegenwirken kann. Ich habe kein Problem damit, dass ich nach schlechten Leistungen kritisiert werde, aber das hatte mit Kritik nichts zu tun. Es wurde einer rausgesucht, der in diese Schublade reinpasste. Die Geschichte mit dem Auto hätte man auch schon zwei Jahre vorher machen können, so lange hatte ich den Wagen schon, aber jetzt passte sie plötzlich. Die Bayern hatten 4:0 in St. Petersburg verloren, überall wurde auf den deutschen Fußball geschimpft - und dann nahm man halt noch einen dazu, der ein teures Auto fährt, und dann hatte man das Bild zusammen."

 

    Sie hätten das Auto in der Garage stehen lassen sollen.
Warum haben Sie sich mit diesem Luxuswagen öffentlich gezeigt?

 

    "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wenn ein Fußballer ein schönes Auto fahren will, dann soll er das machen, das machen andere Geschäftsleute und Gutverdiener auch. Ich bin stolz auf dieses Auto, und ich stehe dazu. Ich habe es selbst bezahlt, keiner hat es mir geschenkt, und ich habe es auch nicht gestohlen. Man hat eben manchmal einen Traum, und wenn man kann, dann erfüllt man ihn sich, bei mir war das eben dieses schöne Auto. Ich muss es nicht herzeigen, ich bin nicht der Typ, der protzt. Aber wenn ich Lust und Laune habe und das Wetter gut ist, dann fahre ich mit dem Wagen auch zum Training. Ich habe keinen Grund, ihn zu verstecken."

 

    Wie verarbeitet man es, als "Totalversager"
an den Pranger gestellt zu werden?

 

    "Der Begriff ärgert mich, er passt nicht mal, wenn einer seriös drüber nachdenkt. Aber es frisst mich nicht innerlich auf. Was mich ärgert, ist, dass ich mich dagegen nicht wehren kann, es gibt keine öffentliche Plattform dafür. Der Fußballplatz ist eine Möglichkeit, aber welcher Fußballprofi schafft es schon, solche Attacken, die viele gelesen haben, allein durch Leistung zurechtzurücken? Das schaffen die wenigsten."

 

    Gab es mal den Gedanken,
mit dem Fußball aufzuhören?

 

    "Nein, nie. Solange ich noch Spaß am Fußball habe, werde ich weitermachen. Ich kann aber jetzt nachvollziehen, dass der eine sagt, er habe nicht mehr die Stärke, und keinen Spaß mehr, und dann sagt: Ich höre auf!"

 

    Lauth hat nicht aufgehört, sondern sich entschlossen, dorthin zurückzukehren, wo alles begann, zu 1860 München, es ist ein Abstieg in die zweite Liga. Der Kreis hat sich geschlossen.

 

    "Ich sage: Ich bin nicht in die zweite Liga gegangen, ich bin zu ,Sechzig' gegangen. Das ist ein guter Verein mit Perspektive. Hier fühle mich wohl, kenne die Stadt, den Verein, die Leute, hier habe ich Freunde und Familie in der Nähe, hier kann ich mich ganz auf den Fußball konzentrieren. Alles um mich herum funktioniert, und es liegt jetzt nur an mir. Ich muss gut Fußball spielen."

 

    Der Start ging daneben. Zwar schoss Lauth beim 1:2 in Freiburg zum Auftakt das einzige Münchner Tor, doch weil auch die folgende beiden Partien verlorengingen, herrscht bei den "Löwen" dicke Luft. Als Sündenbock haben die Fans Trainer Marco Kurz ausgemacht - nicht Benjamin Lauth, und das ist für ihn schon einmal ein Fortschritt.


September  2008

 

 

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Veröffentlicht in Portraits

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