Interview mit Vincent Klink
Moderne Sportlernahrung kommt aus der Tube.
Muss das sein? Was Ernährung betrifft,
so macht Vincent Klink keiner etwas vor.
Für den Gault Millau ist er
"der amüsanteste Bonvivant,
begabteste Musensohn und kultivierteste Ästhet"
unter den deutschen Spitzenköchen. Klink, 59, kocht in der Stuttgarter "Wielandshöhe" und editiert mit dem Schriftsteller Wiglaf Droste die gastrosophische Kampfschrift "Häuptling eigener Herd". Er ist passionierter Rennradfahrer, Bergsteiger a. D. und stolzer Besitzer von zwei Rennmotorrädern.
Herr Klink, als Meisterkoch, was könnten Sie uns aus Maltodextrin,
Molkenpulver, Molkerei-Eiweiß, Säureregulator, Zitronensäure, Fructose,
Magnesiumhydrogencarbonat, Zinkhefe, künstlichen Aromen,
synthetischem Süßstoff, Vitaminen, Phenylalanin,
Selenhefe und Zinkcitrat Leckeres zubereiten?
Vitamine ausgenommen, ist mir das alles so unbekannt wie die Mondfahrt. Ich weiß, was Molkenpulver ist, aber ich habe das noch nie gesehen. Das sind alles Dinge, die mit meinem Beruf, mit Kochen und mit Nahrung, nichts zu tun haben.
Es handelt sich um Sportlernahrung zum Anrühren,
um ein "Leistungsgetränk für aktive Menschen", das eine Firma
aus Ihrer schwäbischen Nachbarschaft zusammenmischt.
Ist damit der Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht?
Ich denke, man wird nicht dran sterben, weil der Mensch ja erstaunlich widerstandsfähig ist.
In Fitnessmagazinen lernt man, dass es geradezu unverantwortlich ist,
ohne Powergels, Performance-Drinks und Gelenkschmierkapseln Sport zu treiben.
Warum fallen gerade Sportler auf solche Propaganda herein?
Ein Beispiel: Der Sportler schwitzt und verliert Salz und Mineralien. Um diesen Verlust auszugleichen, braucht er im Prinzip nichts als ab und zu einen Lutscher Meersalz. Aber geben Sie einem Sportler ein paar Krümel Meersalz auf die Zunge, dann hat er im Kopf nicht den Kick, nicht den Glauben, dass das hilft. Der Glaube wird in den bunten Tütchen mitgeliefert. Die meisten dieser Pülverchen und Fitnessgetränke sind Vehikel, Illusionen.
Wer solche Cocktails in sich hineinschüttet, muss sich eigentlich
auch vor Doping-Substanzen nicht ekeln. Sind das Einstiegsdrogen?
Absolut. Wenn einer solche Drinks zu sich nimmt, dann wird der Wille sichtbar, sich zu verbessern, ohne diese Verbesserung aus sich selbst zu generieren. Das ist die geistige Haltung des Dopers.
Wie gefällt Ihnen das Wort "Nahrungsergänzungsmittel"?
Es ist entlarvend, denn wenn ich eine Nahrung ergänzen muss, dann stimmt etwas mit der Nahrung nicht. Noch einmal das Beispiel Salz. Im Meersalz sind 84 verschiedene Mineralien, genau in der Zusammensetzung, wie sie in unserem Blut vorkommen. Wenn Sie aber modernes Jodsalz nehmen, dann ist da alles raus, da sind nur noch Natrium und Kalzium drin und Jod wird zugesetzt. Das ist der "Fortschritt" in der Ernährung, das ist Manipulation, und da steckt System dahinter: Man will die Mineralien extra verkaufen, zum Beispiel in der schnellen Pulle für die Sportler. Durch permanentes Werbegetrommel werden Trends kreiert und in den Markt gedrückt, und dafür bietet gerade der Sport ein Riesenfeld - und die Nahrung natürlich auch, sie hat vom geschäftlichen Standpunkt her sogar den Vorteil, dass der Mensch sie tatsächlich braucht. Um synthetische Sportlernahrung verkaufen zu können, braucht es allerdings erst einmal den passenden Sportler. Und was sportlich ist, bestimmt nicht der Sportler selbst, sondern die Werbeindustrie.
Sportlich sein heißt konsumieren?
Der ganz normale Hobby-Wanderer mit seinem Speckbrocken im Rucksack, seinem Vollkornbrot und seiner Apfelsaftflasche bietet keinerlei Geschäftsfeld. Dieser Mann genügt sich selbst, er ist deshalb völlig überflüssig, geschäftsmäßig ist er ein Totalversager. Deshalb wird der Sport in eine Richtung gebracht, in der sich mit ihm Geld verdienen lässt.
Wie hat man früher Sport getrieben, so ganz ohne Nahrungsergänzungsmittel,
Refresher und Powergels? Wie haben sich Sportler ernährt?
Es gab doch durchaus bemerkenswerte Leistungen in vielen Disziplinen.
Es gab zum Beispiel den phänomenalen Hermann Buhl, der 1953 als Erster den Nanga Parbat bestieg, den schwierigsten Berg der Welt. Er fuhr einmal mit dem Fahrrad morgens in Innsbruck los. Über Landeck das Engadin hinauf und dann ins Bergell hinunter, das sind 200 Kilometer. Am Nachmittag guckte er sich eine Route aus. Anderntags bestieg er den Piz Badile, damals ein Todesberg, den ich nur vom flachen Süden mal bis zur Biwakschachtel kurz vor dem Gipfel erhumpelt habe. Er kletterte alleine die gefährliche Nordostwand hoch, nach dem Eiger die heißeste Nummer in den Alpen. Wieder unten, setzte er sich aufs Rad und fuhr die 200 Kilometer nach Innsbruck zurück. Kurz vor zu Hause schlief er auf dem Rad ein und krachte in den eiskalten Inn. Er hatte einen Brotkanten und ordentlich Speck dabei.
Ist Hermann Buhl, was den Sport betrifft, ein Vorbild für Sie?
Sicher, auch Jürgen Blin. Er ist jetzt 65 und betreibt eine Kneipe im Hamburger Hauptbahnhof, ein stiller Mensch und sehr solide. Er war Metzger, schlachtete seine Säue, setzte sich 1971 in den Zug nach Zürich und boxte, obwohl nur Halbschwergewicht und klein geraten, gegen Muhammad Ali sieben Runden lang. Dann gingen die Lichter aus. Den nächsten Tag erholte er sich, dann setzte er sich in den Zug, und anderntags schlachtete er wieder seine Säue. Im Jahr darauf wurde er Europameister im Schwergewicht. Solche Leute sind meine Vorbilder.
Was fasziniert Sie an ihnen?
Bei diesen Männern ging es um Willen, um geistige Kraft, die aus dem Menschen selbst kommt. Bei ihnen gab es wenig Fremdhilfe, kein ausgefeiltes Training, keine wissenschaftliche Begleitung, kein exzessives Doping, die waren noch sehr auf sich selbst gestellt. Blin ist in seinem ganzen Sportlerleben nicht ein einziges Mal massiert worden. Die entscheidende Frage ist ja immer: Kann der Kopf alle Reserven und Stimulantien mobilisieren, die in unserem Körper schlummern? Diese Männer konnten das, sie waren wirkliche Begabungen. Heutzutage können Sie mittelprächtige Begabungen durch ausgefeilte Trainingsmethoden und den ganzen Optimierungskrimskrams zu einer Leistung bringen, die es ihnen erlaubt, davon zu leben.
Jimmy Casper, der traditionell Letzte der Tour de France,
ist bei der Tour 2008 als Doper überführt worden.
Das bedeutet, dass jemand, der nicht genügend Talent hat, es mit chemischen Hilfen wenigstens zum Letzten der Tour bringen kann. Glückwunsch.
Für den Philosophen Peter Sloterdijk ist der moderne Sportprofi ein Fachidiot,
kein Vorbild mehr, sondern bloß noch ein Vorbilddarsteller. Trifft es das?
Ja, und es ist ein fatales Missverständnis, wenn sich der normale Sportler mit diesen Leuten verwechselt. Hochleistungssport ist ein Geschäft für Profis, ein brutales Geschäft, in dem es um die Produktion von Leistungen und Ergebnissen geht. Im alten Rom gab es Brot und Spiele, aber die Leute waren damals klüger, denn niemand wollte dem Gladiator nacheifern. Der Gladiator, das war nicht immer der Sklave, den man den Löwen vorwarf, der Gladiator war auf seinem Gebiet ein Spitzenkönner, eine Sport-Ikone. Dem Gladiator hat im Publikum keiner nachgeeifert, man hat ihn bewundert. Das ist die entscheidende Haltung. Ich kann mir als Hobby-Rennradfahrer nicht den Sieger der Tour de France zum Idol nehmen, ich kann ihm nicht nacheifern, das ist ein Mensch aus einer anderen Welt, was er tut, hat mit dem, was ich tue, nichts zu tun. Die Werbung will aber diese Niveauunterschiede verwischen und uns vorgaukeln: Nimm diesen Turnschuh, rühr dieses Pulver an, und schon bist du wie er!
Und besser als die anderen Amateure.
Letztendlich geht es auch um Profilierung und um Abgrenzung. Ich will schneller sein als mein Kumpel, besser als mein Nachbar. Wenn man als Rennradfahrer in einer Gruppe fährt, lebt man gefährlich, weil jeder darin sein Mütchen kühlen und der Tollere sein will, deshalb ist das Gruppenerlebnis im Sport oft eine gefährliche Sache. Der Mensch will seine Defekte kaschieren, und da ist der Sport ein Vehikel, mit dem er sich sanieren kann. Beim Bergsteigen kommt der eine den sechsten Grad locker hoch, der andere schwitzt Blut und Wasser, und wenn er es aus eigener Kraft nicht mehr schafft, dann greift er zu Hilfsmitteln.
Und hält sich damit konsequent an das olympische Motto:
höher, schneller, weiter. Kann man ihm das verdenken?
Evolutionsbedingt streben wir nach Optimierung. Als Schwabe bin ich ein Tüftler, mein Rennrad ist perfekt, alles optimal. Wenn das Rad ausoptimiert ist, kommt normalerweise der Körper dran. Ich bin da die Ausnahme: Bei mir ist nur das Rennrad perfekt, mein eigener Zustand ist desolat, ich wiege 108 Kilo. Wenn alles optimiert ist, dann kommt auch noch die Nahrung dran. Und dann kann es natürlich kein Wurstbrot mehr sein. Von dem glaubt keiner, dass es zu mehr Leistung verhilft, auch wenn in ihm ziemlich alles drin ist, was man braucht.
Das aktuelle Sport- und Schönheitsideal zieht gegen
einen großen Feind ins Feld, das Körperfett, das es zu vernichten gilt.
Es wird wegtrainiert, und wo es sich doch breitmacht, wird es abgesaugt.
Auch Sie nennen Ihr Restaurant eine Schönheitsklinik,
allerdings ein "Institut für Baucherweiterung".
Welches Verhältnis haben Sie zum Fett?
Ein total positives. Wer ein bisschen Fett auf den Rippen hat, ist wahrscheinlich in dem Bereich, wie unsere Gene wirklich angelegt sind. Es gibt zweierlei Fett. Es gibt Fett durch Fehlernährung, und es gibt Fett durch lustvolles Essen. Das ist ein Riesenunterschied. Mein Fett ist steinhart, da können Sie nichts absaugen, da bräuchten Sie einen Presslufthammer.
Was ist Sport für Sie?
Sportlich sein - das ist eine Haltung, kein Fitnesszustand. Wenn man nach England schaut, das ist ja die Wiege des Sports, dann war Sportlichkeit immer eine Frage des charakterlichen Austarierens, des Abtastens nach unten und nach oben. Wenn ich als dicker Koch ständig von der traumatischen Frage verfolgt werde, warum ich nicht Ballett-Tänzer bin, dann habe ich ein Problem. Wenn ich aber erkannt habe, was ich kann und was nicht, dann wird mein Leben plötzlich sehr bequem. Man muss lernen, mit seiner Leistung umzugehen. Und man muss lernen, die anderen mit ihren Leistungen anzuerkennen.
Dabei hilft der Sport?
Ich war im Internat, und wir mussten dort boxen. Es war furchtbar, ich verlor ständig. Aber darum ging es den Erziehern. Wir sollten das Verlieren lernen. Das ist der Sinn der sportlichen Idee. Verlieren - und dann wieder mal gewinnen, dieses Hin und Her ist für die Entwicklung eines Menschen enorm wichtig. Auch als Hobby-Rennradfahrer war ich als Jugendlicher meist der Letzte, sogar beim Angeln haben mich die Fische ausgelacht. Ich habe oft verloren, und ich glaube, genau deshalb habe ich einen ganz ordentlichen Charakter zusammenbekommen. Wenn man an Niederlagen nicht zerbricht, festigen sie mit der Zeit das Ego.
Sie unterstützen die in Italien entstandene Bewegung des Slow Food,
die ein genussvolles und bewusstes Essen propagiert.
Das Motto lautet: buono, pulito e giusto - gut, sauber und fair.
Klingt wie ein prima Motto für den Sport. Was hielten Sie von Slow Sport?
Das würde passen, es wäre ein Gegengewicht zum Profisport, der eindeutig pervertiert ist. Ich wundere mich ohnehin, dass es keine Vereinigung mit der Überschrift "ethischer Sport" gibt, die sich dafür stark macht, den Sport auf das zurückzuführen, was pädagogisch wichtig ist. Sport ist heute eine Macho-Nummer, ich will deins haben, ich will besser sein als du - wie im Zoo, da kann man es im Affenhaus schön beobachten. Was wir bräuchten, sind mehr Frauen im Sport. Nicht Frauen, die die Männer nachäffen, sondern weibliche Frauen. Dann käme mehr Menschlichkeit in den Sport, weniger Kampf, mehr Wärme. Unter Genießern funktioniert Wettbewerb nicht.
September 2008